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VNN im Gespräch

OStR Florian Fuß, Projektleiter Tablet-Einsatz, Carl-Theodor-Schule Schwetzingen


Das Gespräch führte VNN-Vorsitzende Dr. Cornelia Sussieck

Die Schule:
fast 1.400 Schüler und 110 Lehrer, Kaufmännische Schule mit verschiedenen Schularten: Wirtschaftsgymnasium ab Klasse 8 und 11, Berufskollegs, Wirtschaftsschule, VABO und kaufmännische Berufsschule

Das Credo:
Es geht nicht um digitale Bildung, sondern um Bildung im Kontext der Digitalisierung.


Sussieck: Sie haben den Versuch „Tablets an beruflichen Schule“ gestartet. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Fuß: Eine von sieben Eingangsklassen und eine Klasse der Auszubildenden zu Kaufleuten im E-Commerce arbeiten bei uns im Klassenverband hauptsächlich mit dem Tablet und weitgehend papierlos. Da wir vor dem Start des Schulversuchs ein Jahr Vorlauf hatten, konnten wir uns intensiv vorbereiten und eine entsprechende Infrastruktur aufbauen. Die Schüler bekommen die Tablets für drei Jahre gestellt. Der Wert liegt bei ca. 350 € zuzüglich des Stiftes im Wert von 100 €. Auf unserm Schulserver befindet sich eine Cloud, in der Arbeitsblätter und Unterrichtsergebnisse gespeichert werden. Schulbücher setzen wir weiterhin gedruckt ein, weil elektronische Bücher bisher keinen wesentlichen Mehrwert liefern, das Lesen in einem Buch angenehmer ist und das gleichzeitige Arbeiten auf dem Gerät bei E-Books eher erschwert würde. Durch den Eingabestift kann wie bisher vorrangig handschriftlich gearbeitet werden, aber ergänzt durch digitale Hilfsmittel wie Tabellenkalkulation oder Mathematikwerkzeuge.

Die Vorteile des Tablet-Einsatzes: Alle haben das gesamte Unterrichtsmaterial parat. Die Schülerinnen und Schüler lernen das Arbeiten in einer Ordnungsstruktur und die sinnvolle Dateiablage und -benennung. Themen wie Internetrecherche, Datenschutz, Urheberrecht und Persönlichkeitsrechte sind plötzlich allgegenwärtig. Aber zentraler Vorteil ist sicherlich die Veränderung bzw. Erweiterung des Unterrichts hin zu den 4K: Kreativität, Kommunikation, Kollaboration, Kritisches Denken. (vgl. https://bobblume.de/2017/04/19/anmerkungen-zu-dem-4k-modell-des-lernens/)


Sussieck: Wie ändert sich der Unterricht?
Fuß: Durch den Einsatz von digitalen Medien wird es viel einfacher, das echte Leben ins Klassenzimmer zu holen und sich mit tatsächlichen Problemen zu beschäftigen. Außerdem rücken kollaboratives Arbeiten und Kommunikation viel stärker in den Vordergrund, die Schüler lösen Probleme gemeinsam und erarbeiten sich die Inhalte eigenständig und mit individueller Unterstützung durch den Lehrer. Das sind Eigenschaften, die unseren Schülerinnen und Schülern auch später im Berufsleben helfen werden.

Leider stecken diese Veränderungen des Unterrichts noch in den Kinderschuhen, da genau diese Eigenschaften (Kollaboration, Kommunikation) in Prüfungen beispielsweise mit einer „6“ bewertet würden. Die Schule, wie wir sie heute kennen, entstand in der Zeit der Industrialisierung und des Preußentums, dem 19. Jahrhundert. Hier waren Gleichschritt und Hierarchie gefragt. Die Arbeits- und Lebenswelt hat sich aber drastisch verändert. Wissen ist frei verfügbar, die Frage ist, wie man damit umgeht. Wenn wir Tablets im Korsett des bestehenden Schulsystems mit seiner Stundentafel/-taktung und seinen Prüfungsformaten einsetzen, fällt häufig der Begriff der „Palliativen Didaktik“: Das bestehende System wird bewahrt, obwohl es geändert werden müsste. (vgl. https://axelkrommer.com/2017/10/01/notwendige-neologismen-palliative-didaktik/)

Zu den Veränderungen gehören beispielsweise auch veränderte Lernräume: Wir fangen gerade an, unsere Flure – natürlich im Einklang mit dem Brandschutz – zu möblieren und haben Lerninseln angeschafften. Die Schülerinnen und Schüler können sich so in längeren Arbeitsphasen in Kleingruppen zurückziehen und in einer geschützten Umgebung arbeiten. Der Lehrer kann sich dadurch viel intensiver mit einzelnen Gruppen beschäftigen, als dies im Klassenverband möglich war.

Sussieck: Braucht man wirklich gar kein Papier mehr?
Fuß: Ja, das geht. Allerdings dürfen die Schüler selbstverständlich auf Papier arbeiten. Wichtig ist dann nur, dass die Aufschriebe anschließend digitalisiert und richtig abgelegt werden, um nicht die Übersicht zu verlieren.

Sussieck: Welche Erfahrungen haben die Schüler gemacht?
Fuß: Schüler in Tablet-Klassen müssen m. E. mehr leisten. Sie sind breiter aufgestellt, wenn sie aus der Schule kommen. Es gibt keine Statistik, ob sie in der Abschlussprüfung bessere Noten schreiben. Das ist aber auch nicht das Ziel. Sie sind besser auf das Leben vorbereitet. Sie haben ein besseres Verständnis davon, wie die Welt funktioniert und durch den Einsatz digitaler Medien unterschiedlichste reale Erfahrungen machen können: Im naturwissenschaftlichen Unterricht können sich die Schüler mit jungen Wissenschaftlern vernetzten oder im Englischunterricht haben unsere Schüler im Tandem mit jeweils einem polnischen Schülern Webseiten zu gemeinsamen Interessengebieten erstellt, die dann inhaltlich bewertet wurden.

Aber auch in der virtuellen Realität gibt es viele Möglichkeiten, Lernen und Erkenntnis anschaulicher zu gestalten. Dank Augmented Reality (AR) Anwendungen können im Biologieunterricht Frösche seziert und der Blutkreislauf im menschlichen Körper sichtbar gemacht werden. (App-Tipps hierzu: Froggipedia, Inside Heart oder die MergeCube-App AnatomyAR)

Sussieck: Welche weiteren didaktischen digitalen Konzepte gibt es für die anderen Klassen und Schulzweige? Wird der Schulversuch stetig ausgeweitet?
Fuß: Wir haben einen großen, sich ständig wandelnden Pool an schulinternen Fortbildungen, die wir bei Interesse im Kollegium in Kleingruppen anbieten. Das Material aus den Tablet-Klassen steht zum Einsatz in anderen Klassen zur Verfügung, um die Hemmschwelle des Einsatzes digitaler Medien zu senken. Dazu stehen dann Tablet-Koffer bereit.

Sussieck: Warum sind gerade die internationalen Klassen nicht einbezogen?
Fuß: Die internationalen Klassen haben ja schon einen Schwerpunkt, da wollten wir Ihnen nicht noch einen zweiten geben, wenn wir gleichzeitig noch sechs Parallelklassen im klassischen Profil haben.

Sussieck: Wer hat die Konzepte entwickelt, die hier gelebt werden?
Fuß: Wir waren von Anfang an ein Team aus sechs Personen, die den Schulversuch vorbereitet haben. Dafür haben wir zahlreiche Fortbildungen besucht und tun dies immer noch, teilweise halten wir sie auch. Der Austausch mit andern Schulen ist sehr hilfreich. Auch die Schulleitung war vom ersten Tag an mit im Boot. Mit jeder neuen Eingangsklasse die startet, wächst jetzt der Kreis der Kollegen die intensiv mit digitalen Medien arbeiten und sich einbringen.

Sussieck: Welche konkreten Schwierigkeiten hat bzw. hatte die Schule bei der Umsetzung der Digitalisierung?
Fuß: Es geht uns nicht um die Umsetzung der Digitalisierung oder digitale Bildung, sondern immer nur um Bildung im Kontext der Digitalisierung bzw. Digitalität. Die Digitalisierung ist m. E. ein Prozess, der andere Veränderungsprozesse anstößt und was die Schule angeht, so stehen wir eher am Anfang es Prozesses.

An diesem Anfang waren noch technische Fragen wie WLAN oder Cloud zentral. Je weiter wir im Veränderungsprozess voranschreiten, desto stärker rücken die Veränderung selber, der Umgang damit und das Tempo ins Zentrum. Die Lehrer „hängen sich rein“, wollen die Veränderung mitgestalten, gleichzeitig wird das Ganze zu einer Haltungsfrage: Wie sehr bin ich bereit, mich für die Veränderung von Unterricht zu engagieren.

Sussieck: Nach fünf Jahren sind die Tablets veraltet bzw. abgenutzt. Wer zahlt die neuen? Und wer zahlt den Support bei defekten Geräten?
Fuß: Das ist noch nicht abschließend geklärt. Die Gelder aus dem Digitalpakt gehen an die Schulträger, die für die Ausstattung der Schulen zuständig sind. Wir erarbeiten gerade einen Medienentwicklungsplan, der genau diese Dinge regeln soll. Gleichzeitig haben wir mit dem Rhein-Neckar-Kreis einen Schulträger, dem sehr an einer guten Ausstattung seiner Schulen gelegen ist und der uns auch beim Aufbau und der Wartung der Infrastruktur sehr unterstützt.
Da haben wir sicher Glück! Außerdem haben wir letztes Jahr den Wettbewerb „Digitize Your School“ gewonnen und von der SAP 20.000 € Preisgeld erhalten. Das hat uns auch nochmal einen Schub gegeben.

Das Foto zeigt von links Schulleiterin Heide-Rose Gönner, Fachlehrer Florian Fuß, Fachlehrerin Sarah Martini und Dr. Bernd Welz von der SAP bei der Preisverleihung. Foto: Bildhinweise Schwerdt/MRN


Sussieck: Welche Wünsche hat die Schule an das Digitalpaket aus Berlin?
Fuß: Der Digitalpakt muss nachhaltig im Hinblick auf Fortbildung und Wartung gestaltet werden. Eine Einmalzahlung ist zu wenig und zu kurzfristig gedacht. Die Frage ist: Was brauchen die Schulen? Parallel zur Ausgabe der Mittel müssten Fortbildungen laufen, um die Mittel auch wirklich sinnvoll einsetzen zu können. Der Druck auf Schulen, irgendetwas Digitales zu machen ist groß. Erst recht, wenn bisher nichts passiert ist. Ich erlebe eine Goldgräberstimmung bei Smart-Board-Herstellern die plötzlich die Geräte, die sie seit Jahren im Keller liegen hatten, plötzlich jetzt an den Schulen loswerden können und die vermutlich dann dort im Keller landen. Das gleiche gilt für „Berater“ die den Schulen die Medienentwicklungspläne schreiben und gleich die Hardware mitverkaufen.

Damit das Geld flächendeckend erfolgreich eingesetzt wird, müssten Schulen die schon länger – auch länger als wir – auf dem Weg sind und viele Erfahrungen gesammelt haben, stärker in den Prozess einbezogen werden, um zu verhindern, dass jetzt, wo plötzlich Geld da ist, die gleichen oder noch größere Fehler gemacht werden. Eine Vernetzung der Schulen und Träger über Patensysteme o.ä. wäre sehr hilfreich.

Sussieck: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie?
Fuß: In der Lehrerausbildung – dem Referendariat – muss viel passierten. Frisch ausgebildete Kollegen, die neu an die Schulen kommen, müssten doch eigentlich die Treiber für Innovation sein. Das erlebe ich leider bisher nicht.

Sussieck: Welche Bedeutung besitzt die Digitalisierung für guten Unterricht?
Fuß: Digitalisierung ist kein Merkmal von gutem Unterricht. Sie ermöglicht aber die Individualisierung des Unterrichts und das kooperative Lernen. Guter Unterricht kann durch den Einsatz digitaler Medien noch besser werden, schlechter Unterricht bleibt schlechter Unterricht, auch mit digitalen Medien.

Der Einsatz von digitalen Medien und Hilfsmitteln erhöht beispielsweise die Relevanz von gutem Unterricht. Meine Schüler haben sich in Mathematik mit den Raketentests von Kim Jong Un auseinandergesetzt. Statt fiktive, parabelförmige Flugbahnen von Bällen o.ä. im Mathebuch zu untersuchen, haben sie die von den Medien dargestellte Bedrohungslage der USA durch Nordkorea und mögliche Abwehrszenarien auf Grund von im Internet frei zugänglichen Flugdaten analysiert und bei der Gelegenheit auch gleich noch politische, physikalische und geographische Themen besprochen. Ohne die Möglichkeit, den Schülern entsprechende Quellen – Video, teils englischsprachige Zeitungsberichte u.a. – zur Verfügung zu stellen und digitale Mathematikwerkzeuge zu verwenden, wäre dieser Unterricht nicht möglich gewesen.

Das Unterrichtsmaterial dazu (und zu anderen Themen) finden Sie auf der Twitter-Seite von OStR Fuß: @FFuss81

Sussieck: Könnte die Zusammenarbeit mit einem externen Bildungsanbieter, zum Beispiel einem Nachhilfeinstitut, der Schule bei der Umsetzung des Digitalpaktes helfen?
Fuß: Hm. Die Frage ist: Was passiert Zuhause mit den Unterrichtsinhalten? Denkbar wäre eine Verzahnung oder Vernetzung, zum Beispiel eine Kooperation in Form einer gemeinsamen Plattform mit dem Nachhilfelehrer. Alle arbeiten dann mit den gleichen Materialien weiter. Das wäre m. E. eine sinnvolle Möglichkeit und gleichzeitig eine Notwendigkeit. Die Aufgaben durch die Veränderungen sind so groß, dass man sie nur gemeinsam bewältigen kann. Das betrifft die schulinterne und schulübergreifende Zusammenarbeit, aber eben auch die Kooperationen mit außerschulischen Stellen.

Micha Pallesche, Rektor der Ernst-Reuter Gemeinschaftsschule in Karlsruhe (11. Dezember 2019)

Das Gespräch führte Dr. Cornelia Sussieck, Vorsitzende des VNN

Seine Zukunftsvision:
Ab Februar 2020 möchte er sich um die Hochbegabtenförderung kümmern.

Sein Credo:
Es gibt keine digitale oder analoge Bildung. Es gibt eine Bildung vor dem Hintergrund einer sich digital verändernden Welt. Micha Pallesche, Rektor der Ernst-Reuter Gemeinschaftsschule in Karlsruhe und Dr. Cornelia Sussieck

Sussieck: Wie sieht ein typischer Stundenplan einer 5. oder 9. Klasse aus? Gibt es noch Schulbücher?
Pallesche: Eigentlich wie in jeder anderen Schule auch. Wir haben noch alle Fächer der Stundentafel. Wir rhythmisieren den Unterricht aber und machen 90-Minuten-Einheiten. So wird das Lernen nachhaltiger. Das ist mir wichtig. Denn typisch ist ja eigentlich, dass das Gelernte nach der Klassenarbeit wieder vergessen wird. Zurzeit geht daher die Nachhaltigkeit des Lernens gegen Null.

Sussieck: Wie kann Lernen nachhaltiger werden?
Pallesche: Er muss themenorientiert und phänomenbasiert strukturiert sein, Kinder müssen Anknüpfungspunkte finden. Man könnte zum Beispiel am einfachen Themenfeld Wasser viele wichtige und interessante Inhalte bearbeiten.

Sussieck: Seit wann ist Ihre Schule digital?
Pallesche: Seit 2015. In diesem Jahr wurde die Schule auch zur Gemeinschaftsschule. Vorher war es eine Werkrealschule, also eine ehemalige Hauptschule. Die ersten Gemeinschaftsschüler sind heute in der 9. Klasse. Die Lage der Schule in der Stadt ist eine ganz besondere: Sie liegt genau auf der Grenze zwischen einem Villenviertel und einen Wohnbereich vornehmlich mit Sozialwohnungen. Die Folge: Wir haben eine sehr heterogene Schülerschaft!

Sussieck: Wie kamen Sie darauf, die Schule zu digitalisieren?
Pallesche: Das geschah aus purer Notwendigkeit heraus, um die äußerst heterogene Schülerschaft zu bedienen. Es war die einzige Möglichkeit, den individuellen Anforderungen der einzelnen Jugendlichen gerecht zu werden.

Digitalisierung ist für mich eine Kulturtechnik, die unsere Kinder unbedingt lernen müssen. Sie müssen lernen, wie die digitale Welt funktioniert, um sich sicher darin zu bewegen. Die Umsetzung der neuen didaktischen Konzepte soll dazu führen, dass die Kinder sich für Inhalte interessieren und sie spannend finden.

Schon seit jeher hat das Schulsystem Menschen für die jeweilige Gesellschaft ausgebildet. Das müssen wir auch tun. Unser aktuelles Schulsystem stammt aus der Zeit von vor ca. 200 Jahren. Im Unterschied zu früher ändert sich aber die Gesellschaft sehr schnell. Die jungen Leute, auch die Referendare haben ein anderes Lebensgefühl als wir Älteren: Sie leben viel mehr in einer digitalen Welt. Entscheidungsprozesse finden hier unter Beteiligung vieler statt. Auf diese Welt müssen wir unsere Schüler vorbereiten. Aber Innovationen schaffen wir nur durch die Beteiligung der Menschen, die hier arbeiten. In der Industrie wird ein solches Arbeiten als „New Work“ bezeichnet.

Sussieck: Gibt es auch schlechten digitalen Unterricht?
Pallesche: Ja, wenn man nur versucht, alte Konzepte zu ersetzen. Wenn man zum Beispiel mit der digitalen Tafel nichts anderes macht als vorher mit der Kreide-Tafel. Auch der Begriff „Tablet-Klasse“, wie ihn einige Schulen nutzen, ist mir zu techniklastig. Mit Tablets wird der Unterricht nicht automatisch besser. Viele verwechseln Digitalisierung mit dem Einsatz von digitalen Dingen und unter Beibehaltung alter Methodik und Didaktik.

Sussieck: Warum ist Frontalunterricht Ihrer Meinung nach keine aktuelle Unterrichtsform mehr?
Pallesche: Beim traditionellen Unterricht ist der Redeanteil des Lehrers viel zu hoch. Wir strukturieren den Unterricht so: 1/3 Frontalphase, 1/3 kooperative Phase, das heißt Gruppenarbeit, 1/3 Selbstlernphase. Das Haptische und das Erlebnis sind so wichtig, wenn Schüler beispielsweise die Möglichkeit erhalten, sich mithilfe einer Virtual-Reality-Brille in der Doppelhelix einer DNA aufzuhalten.

Sussieck: Zwar ist Wissen im Internet schnell zu finden, doch bis es „geistiges Eigentum“ eines Schülers oder Menschen ist, muss ja in der Regel mehr passieren als das bloße Durchlesen. Ein engagierter und begeisternder Lehrer oder Vermittler ist da doch eine gute Wahl, oder?
Pallesche: Ja, unbedingt ist ein motivierter und engagierter Lehrender notwendig für das Erleben des Lernens. Geschichten, Spannung können das Lernen nachhaltig machen. Es müssen neue Methoden und Didaktiken entwickelt werden. Räume müssen geöffnet werden, an denen gelernt wird. Warum soll das Lernen nur im Unterrichtsraum stattfinden?

Der Jugend fehlt die Erfahrung der Achtsamkeit ohne Medien. Sie sind dauer-online und müssen das Abschalten lernen. Deshalb ermöglichen wir die Entwicklung von Fähigkeiten an bestimmten Orten. Wir kooperieren beispielsweise mit dem nahen Mehrgenerationenhaus. Die Schüler gehen dorthin, beraten die Älteren in punkto digitalen Fragestellungen, sie machen dort Praktika und erleben Dinge, die sie für ihr Leben nicht mehr vergessen werden. Durch das Erlebnis erfolgt der Effekt der notwendigen Werteentwicklung. In einem Nebengebäude des Schulhauses ist das „Wunderland“ untergebracht. Hier gibt es viele verschiedene Räume, denen bestimmte Funktionen zugewiesen werden. So gibt es hier zum Beispiel ein „Ideenbüro“, in dem die Schüler, Lehrer und Eltern ihre Ideen für Unterricht und Schule abgeben können. Der „Maker Space“ ist eine Art Werkstatt und Filmraum, in dem beispielsweise Erklärfilme von Schülern für Schüler hergestellt werden, die auch von den Lehrern im Unterricht verwendet werden.

Sussieck: Wer hat die Digitalisierung bezahlt und wer trägt die laufenden Kosten?
Pallesche: Die Stadt Karlsruhe ist sehr großzügig bei der Unterstützung von Schulen. Die Schule trägt sich daneben im Wesentlichen durch drei Quellen: Sponsoring, Stiftungen und die vielen Preise, die sie gewinnt und die mit Geld verbunden sind.

Sussieck: Haben Sie auch schlechte Erfahrungen mit der Digitalisierung gemacht? Haben Sie Anfangsfehler gemacht? Wer hat Sie beraten und unterstützt? Woher kommt das pädagogische Konzept?
Pallesche: Wir haben das meiste selbst gemacht. Unterstützung erhielten wir durch unsere zahlreichen Kooperationspartner, wie das Stadt- und Landesmedienzentrum, die Hochschule der Medien in Stuttgart, aber auch lokale und überregionale Firmen.

Sussieck: Könnte die Zusammenarbeit mit einem externen Bildungsanbieter, z.B. einer Nachhilfeschule, Ihrer Schule helfen? Sie werden ja auch unterstützt von anderen externen Anbietern?
Pallesche: Das wäre ideal! So läuft alles nebeneinander her.

Sussieck: Welches Selbstverständnis haben Sie als Schulleiter?
Pallesche: Ich fühle mich als Ermöglicher – bei Lehrern und bei Schülern. Die Menschen an der Schule müssen die Ideen weitertragen.

Sussieck: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie an die „Politik“?
Pallesche: Die Politiker sollten sich einmal gute Bildungssystem im Ausland, wie beispielsweise in Estland oder Skandinavien anschauen. Politik ist leider meist nur ein Fünf-Jahresgeschäft. (Positive) Veränderungen in der Bildungswelt sind oftmals allerdings erst deutlich später sichtbar.

Schulleiter OStD Harald Frommknecht vom Adolf-Schmitthenner-Gymnasium (ASG) in Neckarbischofsheim (30. Juli 2019)

Schulleiter OStD Harald Frommknecht und Dr. Cornelia SussieckDas Interview führte Dr. Cornelia Sussieck

Die Ausgangssituation: Das ASG bzw. der Schulträger, die Stadt Neckarbischofsheim, bekommt aus dem Digitalpaket im Laufe von fünf Jahren insgesamt eine halbe Million Euro. Der Pakt sieht vor, dass die Stadt noch 20 Prozent zuzahlt. Das Land Baden-Württemberg unterstützt die Stadt, indem es diese 20 Prozent vorab an die Kommunen auszahlt.

Sussieck: Wie wollen Sie das Geld einsetzen?
Frommknecht: Für das Land Baden-Württemberg stellt der Betrag von 100.000 Euro pro Jahr (in etwa eine volle Lehrerstelle) zwar auch eine zusätzliche Belastung dar, im Gesamtvolumen verschwindet dieser Betrag aber hinter den sehr hohen Personalkosten.
Trotzdem wollen wir natürlich investieren: Mindestens 80 Prozent des Geldes muss in die Infrastruktur fließen (inkl. Wartung, Verlegung von Kabeln, Beamer u.ä.), für die restlichen 20 Prozent können Endgeräte gekauft werden. Auf der Wunschliste stehen Laptops, Tablets und Visualizer. Smart Boards sind nicht ausdrücklich gewünscht, da diese nicht stabil funktionieren. Kreidetafeln, so die Erfahrung, sind deshalb immer noch ein sehr gutes Mittel zum Zweck.

Sussieck: Gibt es weitere Vorgaben von Seiten der Geldgeber?
Frommknecht: Eigentlich müsste die Stadt als Schulträger einen Medienentwicklungsplan erstellen. Da diese jedoch keinen Mitarbeiter mit den erforderlichen Kompetenzen im pädagogischen Bereich hat, erstellt die Schule diesen Plan. Derzeit wird geprüft, ob ein gemeinsamer Plan – und eine gemeinsame Verkabelung – mit der angrenzen Grundschule möglich ist.

Sussieck: Was macht das ASG heute schon, bezüglich Digitalisierung?
Frommknecht: Die Schule besitzt zurzeit schon zwei Klassensätze Tablets. Hinzu kommen die Laptops aus den zwei Computerräumern, die auch mit in die Klassenzimmer genommen werden können. Wir haben den Kollegen die Geräte in diesen Sommerferien mit nach Hause gegeben, damit sie sich damit vertraut machen können. Manche fürchten natürlich, dass die Schüler ihnen weit voraus sind bei der Nutzung der digitalen Geräte. Das stimmt aber nicht. Sie sind vielleicht besser in Computerspielen. Beim sinnvollen akademischen Arbeiten mit elektronischen Medien sind unsere Kollegen den Schülerinnen und Schülern aber natürlich voraus.

Zum nächsten Schuljahr wird es zudem ein neues Profilfach in der Mittelstufe geben: IMP, das heißt Informatik – Mathematik – Physik. Hierbei soll es um das Verstehen von Computern gehen, also über die Anwendungsebene hinaus. Es haben sich schon 22 Schüler dafür angemeldet.

Sussieck: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie zum Digitalpakt?
Frommknecht: Noch keine! Alles ist durchdacht und sinnvoll. Das Landesmedienzentrum beurteilt den Medienentwicklungsplan. Das ist auch eine Hilfe. Grundsätzlich hat man dort großes Interesse daran, dass keine Schule zurückgelassen wird.

Sussieck: Welche Bedeutung besitzt die Digitalisierung für guten Unterricht?
Frommknecht: Guter Unterrichtest ist auch ohne digitale Medien möglich. Durch den Computer wird für die Schüler der Inhalt plötzlich interessant. Das sieht man ganz deutlich an den Tutorials zum Beispiel auf YouTube. Die „Videostars“ machen genau das, was wir immer schon im Unterricht machen: Mit Kreide an der Tafel stehen und einen Sachverhalt erklären. Sie sind insofern old fashioned. Das zeigt aber auch: Der Lehrer selbst bleibt weiterhin extrem wichtig!

Drei große Vorteile der Digitalisierung sind Lernen in Echtzeit, Differenzierung und Individualisierung. Füllt ein Schüler ein Arbeitsblatt am Tablet aus, bekommt er gleich eine Rückmeldung, ob seine Antworten richtig sind. Ein Lehrer könnte ihm so viel Zuwendung in einer 45-Minuten Stunde gar nicht geben. Im bisherigen Unterricht werden am Ende einer Stunde die Arbeitsergebnisse besprochen. Schwache Schüler sind aber damit oft überfordert. Das Tablet gibt gerade diesen Schülern eine bessere Chance.

Sussieck: Wie sieht guter Unterricht mit den digitalen Möglichkeiten aus?
Frommknecht: Digitale Medien stellen eine Ergänzung dar. Es muss aber eine neue Didaktik erarbeitet werden. Nur Tablet statt Papier ist sinnlos.

Sussieck: Gehört Digitalisierung überhaupt in die Schule?
Frommknecht: Digitale Medien sind ein methodischer Baustein, der nicht mehr aus der Schule verschwinden wird. Im Augenblick erhalten sie aber einen Stellenwert, den sie nicht haben. Ein guter Lehrer hat einen Mix an Methoden zur Verfügung. Digitale Medien gehören zu diesem Mix dazu. Die Bedeutung einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung für das Verstehen wird bleiben. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie, die untersucht hat, welche Berufe in Zukunft erhalten bleiben, wenn die Digitalisierung zunimmt. Es sind diejenigen Berufe, die mit dem Kontakt zu Menschen zu tun haben, wie Ärzte und Lehrer.

Aber auch, wenn wir jetzt einen Digitalpakt haben und überall über Digitalisierung in der Schule gesprochen wird: Ich habe nicht das Gefühl, dass sich zurzeit etwas schneller ändert als in den letzten 20 Jahren. Die Digitalisierung ist eine konsequente Weiterentwicklung. Jetzt kommt einfach eine weitere Methode hinzu und wir müssen prüfen, wie wir sie einfügen und einsetzen.

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