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VNN im Gespräch

OStR Florian Fuß, Projektleiter Tablet-Einsatz, Carl-Theodor-Schule Schwetzingen


Das Gespräch führte VNN-Vorsitzende Dr. Cornelia Sussieck

Die Schule:
fast 1.400 Schüler und 110 Lehrer, Kaufmännische Schule mit verschiedenen Schularten: Wirtschaftsgymnasium ab Klasse 8 und 11, Berufskollegs, Wirtschaftsschule, VABO und kaufmännische Berufsschule

Das Credo:
Es geht nicht um digitale Bildung, sondern um Bildung im Kontext der Digitalisierung.


Sussieck: Sie haben den Versuch „Tablets an beruflichen Schule“ gestartet. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Fuß: Eine von sieben Eingangsklassen und eine Klasse der Auszubildenden zu Kaufleuten im E-Commerce arbeiten bei uns im Klassenverband hauptsächlich mit dem Tablet und weitgehend papierlos. Da wir vor dem Start des Schulversuchs ein Jahr Vorlauf hatten, konnten wir uns intensiv vorbereiten und eine entsprechende Infrastruktur aufbauen. Die Schüler bekommen die Tablets für drei Jahre gestellt. Der Wert liegt bei ca. 350 € zuzüglich des Stiftes im Wert von 100 €. Auf unserm Schulserver befindet sich eine Cloud, in der Arbeitsblätter und Unterrichtsergebnisse gespeichert werden. Schulbücher setzen wir weiterhin gedruckt ein, weil elektronische Bücher bisher keinen wesentlichen Mehrwert liefern, das Lesen in einem Buch angenehmer ist und das gleichzeitige Arbeiten auf dem Gerät bei E-Books eher erschwert würde. Durch den Eingabestift kann wie bisher vorrangig handschriftlich gearbeitet werden, aber ergänzt durch digitale Hilfsmittel wie Tabellenkalkulation oder Mathematikwerkzeuge.

Die Vorteile des Tablet-Einsatzes: Alle haben das gesamte Unterrichtsmaterial parat. Die Schülerinnen und Schüler lernen das Arbeiten in einer Ordnungsstruktur und die sinnvolle Dateiablage und -benennung. Themen wie Internetrecherche, Datenschutz, Urheberrecht und Persönlichkeitsrechte sind plötzlich allgegenwärtig. Aber zentraler Vorteil ist sicherlich die Veränderung bzw. Erweiterung des Unterrichts hin zu den 4K: Kreativität, Kommunikation, Kollaboration, Kritisches Denken. (vgl. https://bobblume.de/2017/04/19/anmerkungen-zu-dem-4k-modell-des-lernens/)


Sussieck: Wie ändert sich der Unterricht?
Fuß: Durch den Einsatz von digitalen Medien wird es viel einfacher, das echte Leben ins Klassenzimmer zu holen und sich mit tatsächlichen Problemen zu beschäftigen. Außerdem rücken kollaboratives Arbeiten und Kommunikation viel stärker in den Vordergrund, die Schüler lösen Probleme gemeinsam und erarbeiten sich die Inhalte eigenständig und mit individueller Unterstützung durch den Lehrer. Das sind Eigenschaften, die unseren Schülerinnen und Schülern auch später im Berufsleben helfen werden.

Leider stecken diese Veränderungen des Unterrichts noch in den Kinderschuhen, da genau diese Eigenschaften (Kollaboration, Kommunikation) in Prüfungen beispielsweise mit einer „6“ bewertet würden. Die Schule, wie wir sie heute kennen, entstand in der Zeit der Industrialisierung und des Preußentums, dem 19. Jahrhundert. Hier waren Gleichschritt und Hierarchie gefragt. Die Arbeits- und Lebenswelt hat sich aber drastisch verändert. Wissen ist frei verfügbar, die Frage ist, wie man damit umgeht. Wenn wir Tablets im Korsett des bestehenden Schulsystems mit seiner Stundentafel/-taktung und seinen Prüfungsformaten einsetzen, fällt häufig der Begriff der „Palliativen Didaktik“: Das bestehende System wird bewahrt, obwohl es geändert werden müsste. (vgl. https://axelkrommer.com/2017/10/01/notwendige-neologismen-palliative-didaktik/)

Zu den Veränderungen gehören beispielsweise auch veränderte Lernräume: Wir fangen gerade an, unsere Flure – natürlich im Einklang mit dem Brandschutz – zu möblieren und haben Lerninseln angeschafften. Die Schülerinnen und Schüler können sich so in längeren Arbeitsphasen in Kleingruppen zurückziehen und in einer geschützten Umgebung arbeiten. Der Lehrer kann sich dadurch viel intensiver mit einzelnen Gruppen beschäftigen, als dies im Klassenverband möglich war.

Sussieck: Braucht man wirklich gar kein Papier mehr?
Fuß: Ja, das geht. Allerdings dürfen die Schüler selbstverständlich auf Papier arbeiten. Wichtig ist dann nur, dass die Aufschriebe anschließend digitalisiert und richtig abgelegt werden, um nicht die Übersicht zu verlieren.

Sussieck: Welche Erfahrungen haben die Schüler gemacht?
Fuß: Schüler in Tablet-Klassen müssen m. E. mehr leisten. Sie sind breiter aufgestellt, wenn sie aus der Schule kommen. Es gibt keine Statistik, ob sie in der Abschlussprüfung bessere Noten schreiben. Das ist aber auch nicht das Ziel. Sie sind besser auf das Leben vorbereitet. Sie haben ein besseres Verständnis davon, wie die Welt funktioniert und durch den Einsatz digitaler Medien unterschiedlichste reale Erfahrungen machen können: Im naturwissenschaftlichen Unterricht können sich die Schüler mit jungen Wissenschaftlern vernetzten oder im Englischunterricht haben unsere Schüler im Tandem mit jeweils einem polnischen Schülern Webseiten zu gemeinsamen Interessengebieten erstellt, die dann inhaltlich bewertet wurden.

Aber auch in der virtuellen Realität gibt es viele Möglichkeiten, Lernen und Erkenntnis anschaulicher zu gestalten. Dank Augmented Reality (AR) Anwendungen können im Biologieunterricht Frösche seziert und der Blutkreislauf im menschlichen Körper sichtbar gemacht werden. (App-Tipps hierzu: Froggipedia, Inside Heart oder die MergeCube-App AnatomyAR)

Sussieck: Welche weiteren didaktischen digitalen Konzepte gibt es für die anderen Klassen und Schulzweige? Wird der Schulversuch stetig ausgeweitet?
Fuß: Wir haben einen großen, sich ständig wandelnden Pool an schulinternen Fortbildungen, die wir bei Interesse im Kollegium in Kleingruppen anbieten. Das Material aus den Tablet-Klassen steht zum Einsatz in anderen Klassen zur Verfügung, um die Hemmschwelle des Einsatzes digitaler Medien zu senken. Dazu stehen dann Tablet-Koffer bereit.

Sussieck: Warum sind gerade die internationalen Klassen nicht einbezogen?
Fuß: Die internationalen Klassen haben ja schon einen Schwerpunkt, da wollten wir Ihnen nicht noch einen zweiten geben, wenn wir gleichzeitig noch sechs Parallelklassen im klassischen Profil haben.

Sussieck: Wer hat die Konzepte entwickelt, die hier gelebt werden?
Fuß: Wir waren von Anfang an ein Team aus sechs Personen, die den Schulversuch vorbereitet haben. Dafür haben wir zahlreiche Fortbildungen besucht und tun dies immer noch, teilweise halten wir sie auch. Der Austausch mit andern Schulen ist sehr hilfreich. Auch die Schulleitung war vom ersten Tag an mit im Boot. Mit jeder neuen Eingangsklasse die startet, wächst jetzt der Kreis der Kollegen die intensiv mit digitalen Medien arbeiten und sich einbringen.

Sussieck: Welche konkreten Schwierigkeiten hat bzw. hatte die Schule bei der Umsetzung der Digitalisierung?
Fuß: Es geht uns nicht um die Umsetzung der Digitalisierung oder digitale Bildung, sondern immer nur um Bildung im Kontext der Digitalisierung bzw. Digitalität. Die Digitalisierung ist m. E. ein Prozess, der andere Veränderungsprozesse anstößt und was die Schule angeht, so stehen wir eher am Anfang es Prozesses.

An diesem Anfang waren noch technische Fragen wie WLAN oder Cloud zentral. Je weiter wir im Veränderungsprozess voranschreiten, desto stärker rücken die Veränderung selber, der Umgang damit und das Tempo ins Zentrum. Die Lehrer „hängen sich rein“, wollen die Veränderung mitgestalten, gleichzeitig wird das Ganze zu einer Haltungsfrage: Wie sehr bin ich bereit, mich für die Veränderung von Unterricht zu engagieren.

Sussieck: Nach fünf Jahren sind die Tablets veraltet bzw. abgenutzt. Wer zahlt die neuen? Und wer zahlt den Support bei defekten Geräten?
Fuß: Das ist noch nicht abschließend geklärt. Die Gelder aus dem Digitalpakt gehen an die Schulträger, die für die Ausstattung der Schulen zuständig sind. Wir erarbeiten gerade einen Medienentwicklungsplan, der genau diese Dinge regeln soll. Gleichzeitig haben wir mit dem Rhein-Neckar-Kreis einen Schulträger, dem sehr an einer guten Ausstattung seiner Schulen gelegen ist und der uns auch beim Aufbau und der Wartung der Infrastruktur sehr unterstützt.
Da haben wir sicher Glück! Außerdem haben wir letztes Jahr den Wettbewerb „Digitize Your School“ gewonnen und von der SAP 20.000 € Preisgeld erhalten. Das hat uns auch nochmal einen Schub gegeben.

Das Foto zeigt von links Schulleiterin Heide-Rose Gönner, Fachlehrer Florian Fuß, Fachlehrerin Sarah Martini und Dr. Bernd Welz von der SAP bei der Preisverleihung. Foto: Bildhinweise Schwerdt/MRN


Sussieck: Welche Wünsche hat die Schule an das Digitalpaket aus Berlin?
Fuß: Der Digitalpakt muss nachhaltig im Hinblick auf Fortbildung und Wartung gestaltet werden. Eine Einmalzahlung ist zu wenig und zu kurzfristig gedacht. Die Frage ist: Was brauchen die Schulen? Parallel zur Ausgabe der Mittel müssten Fortbildungen laufen, um die Mittel auch wirklich sinnvoll einsetzen zu können. Der Druck auf Schulen, irgendetwas Digitales zu machen ist groß. Erst recht, wenn bisher nichts passiert ist. Ich erlebe eine Goldgräberstimmung bei Smart-Board-Herstellern die plötzlich die Geräte, die sie seit Jahren im Keller liegen hatten, plötzlich jetzt an den Schulen loswerden können und die vermutlich dann dort im Keller landen. Das gleiche gilt für „Berater“ die den Schulen die Medienentwicklungspläne schreiben und gleich die Hardware mitverkaufen.

Damit das Geld flächendeckend erfolgreich eingesetzt wird, müssten Schulen die schon länger – auch länger als wir – auf dem Weg sind und viele Erfahrungen gesammelt haben, stärker in den Prozess einbezogen werden, um zu verhindern, dass jetzt, wo plötzlich Geld da ist, die gleichen oder noch größere Fehler gemacht werden. Eine Vernetzung der Schulen und Träger über Patensysteme o.ä. wäre sehr hilfreich.

Sussieck: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie?
Fuß: In der Lehrerausbildung – dem Referendariat – muss viel passierten. Frisch ausgebildete Kollegen, die neu an die Schulen kommen, müssten doch eigentlich die Treiber für Innovation sein. Das erlebe ich leider bisher nicht.

Sussieck: Welche Bedeutung besitzt die Digitalisierung für guten Unterricht?
Fuß: Digitalisierung ist kein Merkmal von gutem Unterricht. Sie ermöglicht aber die Individualisierung des Unterrichts und das kooperative Lernen. Guter Unterricht kann durch den Einsatz digitaler Medien noch besser werden, schlechter Unterricht bleibt schlechter Unterricht, auch mit digitalen Medien.

Der Einsatz von digitalen Medien und Hilfsmitteln erhöht beispielsweise die Relevanz von gutem Unterricht. Meine Schüler haben sich in Mathematik mit den Raketentests von Kim Jong Un auseinandergesetzt. Statt fiktive, parabelförmige Flugbahnen von Bällen o.ä. im Mathebuch zu untersuchen, haben sie die von den Medien dargestellte Bedrohungslage der USA durch Nordkorea und mögliche Abwehrszenarien auf Grund von im Internet frei zugänglichen Flugdaten analysiert und bei der Gelegenheit auch gleich noch politische, physikalische und geographische Themen besprochen. Ohne die Möglichkeit, den Schülern entsprechende Quellen – Video, teils englischsprachige Zeitungsberichte u.a. – zur Verfügung zu stellen und digitale Mathematikwerkzeuge zu verwenden, wäre dieser Unterricht nicht möglich gewesen.

Das Unterrichtsmaterial dazu (und zu anderen Themen) finden Sie auf der Twitter-Seite von OStR Fuß: @FFuss81

Sussieck: Könnte die Zusammenarbeit mit einem externen Bildungsanbieter, zum Beispiel einem Nachhilfeinstitut, der Schule bei der Umsetzung des Digitalpaktes helfen?
Fuß: Hm. Die Frage ist: Was passiert Zuhause mit den Unterrichtsinhalten? Denkbar wäre eine Verzahnung oder Vernetzung, zum Beispiel eine Kooperation in Form einer gemeinsamen Plattform mit dem Nachhilfelehrer. Alle arbeiten dann mit den gleichen Materialien weiter. Das wäre m. E. eine sinnvolle Möglichkeit und gleichzeitig eine Notwendigkeit. Die Aufgaben durch die Veränderungen sind so groß, dass man sie nur gemeinsam bewältigen kann. Das betrifft die schulinterne und schulübergreifende Zusammenarbeit, aber eben auch die Kooperationen mit außerschulischen Stellen.


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